Yamadera

Shizukasa ya
iwa ni shimi-iru
semi no koe

Stille…!
Tief bohrt sich in den Fels
das Sirren der Zikaden…[1]

Matsuo Basho dichtete diese Zeilen, andächtig innehaltend, in der Stille des Bergtempels von Yamadera. Basho mag nicht mehr auf dieser Erde wandeln, seine Dichtung erfreut uns noch immer, genau wie diese Tempelanlage in den Bergen der heutigen Präfektur Yamagata.

Die andächtige Stille wird heute zwar von den vielen Touristen getrübt, doch die auf, um und in den Berg gebauten Tempel beeindrucken noch immer. Dem Reisenden, der, von Sendai oder Yamagata kommend, aus dem kleinen Bahnhof Yamadera tritt, bietet sich beim Anblick des dicht bewaldeten Berges – hier und da sieht man ein Tempeldach das Blätterdach durchbrechen – eine erste Ahnung der Größe und Weitläufigkeit der Anlage.

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Zwei steile Treppen führen den Besucher zu den Eingängen des Tempels, bzw. des angeschlossenen Shintō-Schreines. Sogleich erblickt einen der unter dem Tempeldach sitzende, hölzerne Buddha und lädt ein, näher zu kommen und ihm über den Bauch zu streichen, was Glück verheißt. Dabei lohnt es sich einen Blick in das Tempelinnere zu werfen, an den Wänden sind sehr schöne Mandalas zu bestaunen.

Nach einer Eintrittsgebühr von 300 Yen geht der Aufstieg weiter. Über tausend Stufen führen durch den dichten Wald hinauf zu den Wipfeln der Berge. Überall verteilt sind kleine Grabstelen, Buddha- und Bodhisattva-Statuen. Es lohnt sich daher immer wieder innezuhalten und sich umzuschauen. In den Felsen sind immer wieder Inschriften gehauen, weiter oben kann man kleine Höhlen und Nischen in der Felswand ausmachen.

Sehr erhebend fand ich auch dieses Mal den Moment in dem man das Ende des Waldes erreicht und über einem im Licht der Sonne ein weiteres Tempeltor auftaucht. Es markiert den Eingang zum oberen Tempelbereich und ist über und über mit Papieren beklebt, auf denen Schutzformeln zur Abwehr von Unheil und bösen Dämonen geschrieben stehen.

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Hinter dem Tor teilt sich der Weg, der eifrige Besucher kann entweder gleich einen, von Tempeln umgebenen Platz anstreben oder, zuvor einen Abstecher zur Aussichtsplattform machen. Von dort hat man einen wunderbar weiten Blick über die herbstlich errötenden Berghänge und das Tal von Yamadera.

Ein paar wenige Stufen fehlen noch, dann kann der Reisende endlich verschnaufen und am höchsten für Besucher zugänglichen Punkt der Anlage eine Rast einlegen, am Automaten Getränke kaufen oder am Tempel einen Glücksbringer (ō-mamori) für den Rückweg.

Oder man kauft sich eine Postkarte und legt eine Gedenkminute ein für den Postboten, der alle 1051 Stufen meistern muss um den am obersten Punkt des Tempels gelegenen Briefkasten zu erreichen.

Wer auch immer eine Reise in die Tohoku-Region plant, oder rein zufällig gerade in der Gegend ist, dem kann ich den Tempel in Yamadera für einen Tagesausflug nur empfehlen. Zudem soll es im Ort Yamadera auch ein Museum für den Dichter Bashō geben, welcher auf Reisen hier Gastfreundschaft genoss.

Eintritt: 300 Yen

Anfahrt: Senzan Linie (die hellgrüne) von Yamagata-Stadt oder Sendai-Stadt.

[1] Entnommen der deutschen Gesamtausgabe unter http://www.k5.dion.ne.jp/~litterae/common/pfad_dt.htm

(ursprünglich verfasst am 01.11.2014)

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Janus

Manchmal kann ein einzelner Impuls einen Wirbelsturm verursachen. Ein einzelnes Wort, ein Bild, eine Beobachtung. Und plötzlich ist man innerlich absolut durcheinander.

Gefühle fliegen umher wie Karten eines einstürzenden Kartenhauses. Über allem der Verstand, mal hier mal dorthin fliegend, versucht er die Wogen zu glätten, Ruhe zu schaffen.

Wie immer sind die Gefühle stärker, stürzen die einzelnen Gedanken durcheinander, hier und dorthin treibend, verloren auf den inneren Wogen.

Ein Lächeln im richtigen Moment und du bist himmelhochjauchzend. Eine falsches Wort, eine Erinnerung und du bist zu Tode betrübt.

Im einen Moment, Verbundenheit mit der Welt, Geborgenheit im Geiste anderer.

Dann: getrennt; einsam und alleine in der dunklen Kammer der eigenen Psyche.

Es gibt wohl das eine nicht ohne das andere.

Ohne Unglück kein Glück. Ohne Trauer keine Freude.

Zeitgefühl

Wie das Leben sich manchmal beschleunigt und verlangsamt, mit dem was wir mit ihm anfangen.

Tage gefüllt mit Leben und Ereignissen sind vergangen in der Weile eines Augenblickes.

Tage, mühsam durchlebt, voller Schwere und Langeweile, treiben dahin, gefühlt ohne Ende.

Wie ein Sommertraum, die Leichtigkeit.

Ein Warten auf den Tod die Schwere.

 

In der Erinnerung jedoch, verkehrt sich das Bild.

Wie glühende Diamanten, die Träumereien des Lebens.

Versunken im Staub, die langen Tage der Mühsal.

Bald will ich sie vergessen, sie unter den Teppich der Gedanken kehren.

Doch Diamanten möchte ich sammeln, erfüllt vom Strahlenglanz der lebendigen Erinnerung.

Strawberry stem

I feel strangely detached today,

As if my sensations where those of someone else, describing it to me through imperfect metaphors.

I eat a strawberry and want to enjoy the flavor,

But just a second later, the taste has already faded into oblivion.

Remaining is just the fact, that I am sure of having just eaten a strawberry,

along with the slowly decomposing strawberry stem.

Fantasie

Manch einer sich die Haare rauft,

tausend schlaue Bücher kauft,

vor dem leeren Blatt erzittert.

Es bald zerreißt, zerknüllt, zerknittert,

mir scheint der Künstler ist verbittert.

Es will partout ihm nichts gelingen.

Warum? Man kann die Fantasie nicht zwingen.

 

Dann und wann, der Arme spricht:

 

Oh Fantasie

 

Woraus schöpft sich deine Kraft,

Der Quell, der aus dem Nichts manch Wunder schafft?

Der Muse unbegreiflich Macht,

dann und wann dem Künstler lacht,

am hellicht Tag, in tiefster Nacht,

urplötzlich sich mit Kraft ergießt,

doch dann genauso schnell verfließt.

 

Ich sage dir, verzweifle nicht

 

Ungesehen, unbekannt, im Dunkeln ruht,

die Kreativität, Oh Künstler habe Mut.

Die Muße ist ein unfassbar Tier,

ganz unerwartet, erscheint Sie plötzlich dir

Von ihrer Kraft überwältigt schier,

Im Moment der reinen Perfektion,

Künstler, vergiss nicht die Aktion.

 

Ergreife den Moment, fang endlich an zu schreiben

Schau und sieh, wie die Gedanken treiben.

Man braucht sie nur zu fassen.

Sich auf den Moment verlassen.

Von selbst, die Hände schreiben lassen.

Schöpfe Künstler, aus der Fülle der Ideen

und schaffe Werke, noch nie zuvor gesehen.

Mit den Augen eines Fremden

Der Raureif fällt von den Ästen wie Herbstblätter im Wind. Während die Landschaft noch unter ihrerSchneedecke schlummert, erwachen die ersten Vögel und singen ein Lied vom Wechsel der Jahreszeiten und dem kommenden Frühling.

Wie ich so durch diese Landschaft spaziere, erfreut mich ihre Schönheit jedes mal aufs neue.

Aber mir kommt der Gedanke, dass mir dies früher gar nicht wirklich aufgefallen ist. Das erste Mal, dass ich dachte, wie schön die Natur in meiner Heimat ist, war nach der Rückkehr von meiner ersten Japanreise, als wir Gegenbesuch von eben dort erhielten und unsere Gäste von der hiesigen Landschaft so begeistert waren.

Die Begegnung mit der Exotik ferner Orte und Landschaften und der Austausch mit Menschen, die anders aufgewachsen sind, anderes erlebt haben, bietet uns die wunderbare Chance uns selbst anders wahrzunehmen und besser kennen zu lernen. Diese Erkenntnis nenne ich das Sehen des Eigenen mit den Augen eines Fremden.

Ob in den Bergen Spaniens oder auf den Inseln vor Hongkong, ich genieße das Erleben der jeweiligen Landschaften und Kulturen, weil ich sie noch nicht kenne, weil sie mir fremd sind.

Fremd im positiven Sinne von unbekannt, spannend, neu, anregend. Das spannende daran ist gewissermaßen der Prozess des Kennenlernens, des vertraut werdens.

Wenn ich dann zurückkomme, habe ich wieder ein bisschen den Eindruck des Neuen und Unbekannten in der mir so vertrauten Gegend  um Donaueschingen. Das Eigene wird mir wieder fremd und ich kann es mit einem ganz anderen Blick sehen, mit dem des Fremden.

Und so schlendere ich weiter in der schon fast warmen Februarsonne und singe leise vor mich hin: oh, what a wonderful world.

Crossroads

Imagine your life as a hiking trip. Wandering through luscious fields and sunny forests, sometimes also through steep valleys and over high and dangerous mountains, on and on it goes, without a clear goal you stroll along without being able to go back. The only

Wandering through luscious fields and sunny forests, sometimes through steep valleys and over high and clouded mountains, on and on it goes, without a clear goal you stroll along without being able to go back. The only thing not changing along the way are crossroads and diverging pathways. Sometimes they are really big and clearly signed. Remember the one you had to cross with hundreds of signs pointed in different directions, labelled with names such as astrophysics, old classics, politics, architecture, photography, international studies and so on. How long did you stand there thinking about where to go, maybe you walked a few meters on one road and then decided to leap over to another path? Did you take the biggest road, clearly signed and very safe to walk on, or did you look around until you found that

How long did you stand there thinking about where to go, maybe you walked a few meters on one road and then decided to leap over to another path? Did you take the biggest road, clearly signed and very safe to walk on, or did you look around until you found that little, hidden path leading into a mysterious forest of surprising discoveries, or did you decide to create your own way by going into the wilderness off the beaten path? Or do you still stand there at some crossroad not able to decide always turning back to other options out of fear of missing out on something?

There is an overwhelming amount of possible routes one could pursue. Especially at a young age, as pupils, students, young professionals, we are confronted with the burden of determining our future. Everything is possible, so we are told. The only problem: every choice forces us to give up on other possibilities. And then we end up pondering on what might have been, had we only chosen another career, another study, another city to live in.

And we take ages to decide, too many options paralyse us, we are afraid to choose because we think that we might lose our freedom of choice.

But this is the illusion. It is not the freedom of having a choice but the freedom of taking a choice. We only fulfil our freedom by taking a leap into the unknown. If we don’t manage to decide we will just stand still and watch possibilities go by without ever following them.

So if you stand on the crossroad wondering what to do, take a rest, breathe, think, but don’t hesitate too much. Make a first step, follow your instinct and decide for one road. You might think about the other roads you left out but they are not important right now.

Enjoy the journey and look forward to the next crossroad!